Ratgeber
Altbau entkernen: was in Häusern von 1900, 1955 und 1975 steckt
Jede Bauzeit hat ihre eigenen Konstruktionen und Materialien. Ein Überblick vom Fachwerkhaus bis zum Siedlungshaus.

Kurz gefasst: Was bei einer Entkernung zum Vorschein kommt, hängt vor allem am Baujahr. Fachwerkhäuser bringen Lehm und Holz, Gründerzeithäuser Holzbalkendecken mit schwerem Einschub, Häuser des Wiederaufbaus schlanke Decken und Bims, Häuser der Sechziger bis Achtziger asbesthaltige Bodenplatten, Nachtspeicheröfen und alte Mineralwolle. Wer das Baujahr kennt, plant realistischer und erlebt weniger Überraschungen.
Fachwerk und Häuser vor 1870
Holzständer mit Gefachen aus Lehm oder Ziegel, Balkendecken mit Lehmwickeln oder Strohlehm, Dielen auf Lagerhölzern, Keller aus Bruchstein. So sind die Altstädte von Limburg, Idstein oder Bad Camberg gebaut, und viele Häuser dort stehen unter Denkmalschutz.
Beim Entkernen gilt hier: Fast alles trägt irgendwie mit, und was historisch ist, bleibt, bis Statiker und Denkmalpflege entschieden haben. Spätere Einbauten aus Rigips, Styropor oder Kunststoff kommen behutsam raus. Balken, die in den Sechzigern bis Achtzigern mit Holzschutzmittel gestrichen wurden, sind Altholz der teuersten Klasse.
Gründerzeit, rund 1870 bis 1914
Vollziegelmauerwerk, hohe Räume, Holzbalkendecken mit Einschub aus Lehm, Sand, Schlacke oder Bauschutt, darunter Stuck auf Schilfrohr oder Rabitzgewebe. Ganze Viertel dieser Zeit stehen in Wiesbaden, in Frankfurt im Nordend, in Bornheim und Sachsenhausen, im Vorderen Westen von Kassel oder in der Neustadt von Mainz.
Wer eine solche Decke öffnet, holt pro Quadratmeter viel Gewicht heraus, und Schlackenfüllungen können belastet sein und gehören nicht einfach in den Bauschutt. Die lange Mittelwand trägt fast immer, und leichte Trennwände aus Schwemmstein oder Gipsdielen sehen massiver aus, als sie sind.
Zwanziger und Dreißiger
Siedlungsbau mit ersten standardisierten Bauteilen, in Frankfurt etwa die Siedlungen des Neuen Frankfurt, die heute vielfach unter Denkmalschutz stehen. Dazu kamen leichtere Baustoffe und Decken aus Stahlbeton. Die Grundrisse sind knapp geschnitten, und jede Veränderung will gut überlegt sein.
Wiederaufbau, rund 1948 bis 1960
Gebaut wurde, was verfügbar war: Steine aus Trümmerschutt, im Rheinland und im Westerwald viel Bims aus dem Neuwieder Becken, dazu Hohlkörper- und Stahlsteindecken. Die Wände sind dünner, die Decken schlanker, und Schlitze oder Kernbohrungen vertragen sie nicht überall. Solche Häuser prägen die Innenstädte von Mainz, Kassel, Gießen oder Koblenz.
In dieser Zeit tauchen auch die ersten Faserzementprodukte auf: Fensterbänke, Blumenkästen, Lüftungsrohre. Sie werden im Ganzen ausgebaut, weil sie Asbest enthalten können.
Sechziger bis Achtziger
Die Zeit der großen Wohngebiete, der Reihenhäuser und Siedlungen, die heute in fast jedem Ort am Rand stehen, von Taunusstein bis Neu-Anspach. Typisch sind Vinyl-Bodenplatten mit schwarzem Kleber unter dem Teppich, Nachtspeicheröfen, Faserzement an Fassade und Balkon, Mineralwolle im Dach, dauerelastische Fugen, die PCB enthalten können, und Holzdecken mit Schutzanstrich.
Das sind die Häuser, die jetzt nach einem Generationswechsel saniert werden, und bei ihnen lohnt die Schadstoffprüfung vorab am meisten. Mehr dazu im Ratgeber Schadstoffe vor der Entkernung.
Neunziger und jünger
Trockenbau mit Gipskarton, Dämmung aus Polystyrol oder Mineralwolle, Fliesen im Dünnbett. Die Schadstoffe werden seltener, aber Mineralwolle aus der Zeit vor 2000 gilt weiter als verdächtig, und älteres Polystyrol enthält oft das Flammschutzmittel HBCD. Entkernt werden solche Häuser meist nicht wegen der Substanz, sondern weil Grundriss und Technik nicht mehr passen.
Was das für Ihre Planung heißt
Kennen Sie das Baujahr, wissen Sie ungefähr, was Sie erwartet. Gebaut und umgebaut wurde aber in jedem Jahrzehnt, und ein Haus von 1905 kann ein Bad von 1975 haben. Deshalb schauen wir uns jedes Objekt vorher an und nennen den Festpreis erst, wenn klar ist, was drinsteckt. Wie die Kosten einer Entkernung entstehen, steht unter Was kostet eine Entkernung?.